Wann benötigen Menschen mit lebenslimitierenden Erkrankungen spezialisierte Palliative Care? Um diese Frage künftig einheitlicher beantworten zu können, haben verschiedene Gesundheitsorganisationen aus sieben Kantonen gemeinsam den EPS-Test «Erkennen palliativer Situationen» untersucht. Nach zwei Jahren ist das Projekt abgeschlossen. Insgesamt wurden 3’920 Tests durchgeführt. Spitex Zürich spielte dabei eine zentrale Rolle. Michael Bruhin, Experte für Palliative Care bei Spitex Zürich und Co-Projektleiter, spricht im Interview über die Ergebnisse, den Nutzen für die Pflege und die nächsten Schritte.
Mehr zum Hintergrund: Bereits beim Projektstart haben wir mit Michael Bruhin über die Ziele und die Funktionsweise des EPS-Tests gesprochen. Hier geht es zum ersten Interview.
Michael, das Projekt ist abgeschlossen. Was sind für dich die wichtigsten Ergebnisse?
Die 3’920 durchgeführten Tests sind für mich beeindruckend. Ursprünglich wollten wir zwischen 500 und 1’000 Tests erfassen. Wir haben den EPS-Test nicht unter Laborbedingungen untersucht, sondern direkt im Pflegealltag. Das Ergebnis zeigt, wie gross das Bedürfnis nach einem solchen Instrument ist.
Besonders wichtig sind für mich drei Erkenntnisse. Erstens hat sich der EPS-Test als praxistauglich erwiesen. Er ist einfach anzuwenden und hilft Fachpersonen, ihre Einschätzungen nachvollziehbar zu begründen. Zweitens kommen unterschiedliche Fachpersonen häufig zum gleichen Ergebnis. In der grössten Untersuchung zur Übereinstimmung der Einschätzungen in der Langzeitpflege stimmten diese in 84 Prozent der Fälle überein. Drittens hilft uns der Test, unsere eigene fachliche Einschätzung zu hinterfragen. Bei den mobilen spezialisierten Palliative-Care-Diensten vermuteten Fachpersonen in 89 Prozent der Fälle einen spezialisierten Bedarf. Der EPS-Test zeigte diesen bei 71 Prozent. Das verdeutlicht, dass der Test nicht einfach unsere Einschätzung bestätigt, sondern uns hilft, genauer hinzuschauen.
Gleichzeitig haben wir Grenzen erkannt. Bestimmte Situationen, etwa bei fortgeschrittener Demenz, bildet der Test noch nicht ausreichend ab. Deshalb ist eine Weiterentwicklung wichtig.
Welche Rolle spielte Spitex Zürich bei diesem Projekt?
Spitex Zürich hat das Projekt von Anfang an aktiv unterstützt und auch einen Teil der Personalkosten übernommen. Besonders wertvoll war der Einsatz unserer Teams der spezialisierten Palliative Care. Sie haben die Tests mit grosser Genauigkeit und Motivation durchgeführt. Unter den mobilen Palliative-Care-Diensten erfasste Spitex Zürich sogar die meisten Tests. Auch meine Kollegin Leandra Senn hat wesentlich zum Projekt beigetragen. So konnten wir unsere Erfahrung aus der ambulanten Pflege direkt einbringen und prüfen, ob der EPS-Test im Versorgungsalltag funktioniert. Denn ein Instrument kann wissenschaftlich noch so interessant sein: Wenn es zu kompliziert ist, wird es im Alltag nicht angewendet.
Für mich zeigt dieses Projekt auch, wie wichtig Vernetzung und Zusammenarbeit sind. Gemeinsam mit Fachpersonen aus unterschiedlichen Organisationen und Kantonen konnten wir etwas entwickeln, das über die eigene Organisation hinaus Wirkung entfaltet.
Wie verändert der EPS-Test konkret den Pflegealltag?
Er schafft vor allem eine gemeinsame Sprache. Wenn sich der Gesundheitszustand einer Kundin oder eines Kunden verändert, können Mitarbeitende ihre Beobachtungen mithilfe des Tests strukturiert überprüfen. Statt zu sagen: «Ich habe das Gefühl, hier braucht es spezialisierte Palliative Care», können sie konkret aufzeigen, welche Merkmale für diesen Bedarf sprechen. Das erleichtert die Zusammenarbeit zwischen Pflegeteams, Hausärztinnen und Hausärzten sowie spezialisierten Diensten.
Dabei ersetzt der EPS-Test die fachliche Einschätzung nicht. Er ergänzt sie und unterstützt uns dabei, Entscheidungen gemeinsam zu treffen. Darin liegt für mich ein wichtiger Qualitätsgewinn. Unser Ziel ist nicht, möglichst viele Menschen in die spezialisierte Palliative Care aufzunehmen. Entscheidend ist, dass die betroffenen Menschen zum richtigen Zeitpunkt die passende Unterstützung erhalten.

Was bedeutet der Projektabschluss für die Zukunft der spezialisierten Palliative Care?
Mit dem Projektabschluss ist die Arbeit am EPS-Test nicht beendet. Die Ergebnisse bilden eine wichtige Grundlage für seine Weiterentwicklung. Besonders erfreulich ist, dass der EPS-Test inzwischen auch bei der Änderung der Krankenpflege-Leistungsverordnung als geeignetes Instrument für die ärztliche Verordnung spezialisierter Palliative-Care-Pflege berücksichtigt wird. Damit gewinnt er über das Projekt hinaus an Bedeutung.
Als Nächstes stehen unter anderem die Weiterentwicklung und die geplante Übersetzung des Tests im Fokus. Ziel ist es, dass sich das Instrument künftig breiter einsetzen lässt.
Was nimmst du persönlich aus den zwei Jahren als Co-Projektleiter mit?
Für mich war es eine aussergewöhnlich wertvolle Erfahrung. Wir begannen mit einer Arbeitsgruppe aus sechs Personen. Im Verlauf des Projekts koordinierten wir als Co-Projektleitung bis zu 200 Beteiligte aus unterschiedlichen Organisationen und Berufsgruppen. Besonders beeindruckt hat mich, was möglich wird, wenn Fachpersonen über Organisations- und Kantonsgrenzen hinweg zusammenarbeiten. Wir haben unsere Arbeit immer wieder hinterfragt und das Projekt laufend weiterentwickelt.
Für meine Arbeit bei Spitex Zürich nehme ich vor allem eine Erkenntnis mit: Innovation muss dort funktionieren, wo Menschen gepflegt und begleitet werden. Sie soll den Alltag nicht komplizierter machen, sondern Fachpersonen unterstützen, Klarheit zu gewinnen und gute Entscheidungen zu treffen. Diese Erfahrungen möchte ich weiterhin in unsere fachliche Arbeit, in Schulungen und in die Weiterentwicklung der spezialisierten Palliative Care bei Spitex Zürich einbringen.
Mehr zum Projekt
Die ausführlichen Ergebnisse und Erkenntnisse sind im Erfahrungsbericht zum EPS-Projekt nachzulesen.
Spezialisierte Palliative Care bei Spitex Zürich
Unsere Fachpersonen begleiten Menschen mit komplexen, lebenslimitierenden Erkrankungen in ihrem Zuhause. Sie unterstützen auch Angehörige sowie die behandelnden Fachpersonen.