Jugendliche und junge Erwachsene wenden sich mit persönlichen Sorgen zunehmend an künstliche Intelligenz. Das kann entlasten und Orientierung geben. Es birgt aber auch Risiken, wenn KI Aussagen unkritisch bestätigt oder falsche Informationen liefert. Fachpersonen unterstützen junge Menschen dabei, Antworten von KI verantwortungsvoll einzuordnen und ihre Auswirkungen auf das eigene Denken und Handeln zu reflektieren.
von Nathalie Ledergerber und Yasmine Garcia*
Künstliche Intelligenz ist im Alltag angekommen. In unserer Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen bis 25 Jahren stellen wir jedoch fest, dass noch zu wenig über die Chancen und Risiken von KI gesprochen wird. Täglich besprechen wir mit Jugendlichen, welche Schwierigkeiten sie im Alltag erleben und wie sie damit umgehen. Dabei spielt KI für viele Jugendliche eine immer wichtigere Rolle.
Jugendliche vertrauen der KI intime Gedanken, Sorgen und Nöte an und besprechen Konflikte mit Eltern oder Gleichaltrigen. Oft empfinden sie das als hilfreich. Sie berichten, die KI reagiere verständnisvoll, bestätige ihre Gefühle und lobe sie für gute Entscheidungen. Diese Nutzung birgt jedoch Risiken, die uns als Fachpersonen beschäftigen und vor neue Herausforderungen stellen.
Wenn KI einseitig bestätigt
Jugendliche kommen bereits früh mit KI in Kontakt. In diesem Alter fällt es ihnen oft schwer, den Wahrheitsgehalt von Informationen einzuschätzen und hilfreiche von problematischen Antworten zu unterscheiden.
Eine 17-jährige Kundin berichtete während eines Einsatzes, sie habe mit einer KI einen Konflikt nachbesprochen. Die KI habe sie in ihrer Überzeugungen bestärkt, ohne diese kritisch zu hinterfragen. Daraufhin erwartete die Jugendliche eine Entschuldigung ihres Gegenübers. Diese blieb jedoch aus.
Ihre pflegerische Bezugsperson erklärte ihr, dass menschliche Beziehungen komplex sind und viele Nuancen enthalten. Nach der eindeutigen Antwort der KI fiel es der Jugendlichen jedoch schwer, diese Erklärung anzunehmen.
Solche Beispiele werfen eine wichtige Frage auf: Wie entwickeln junge Menschen langfristig soziale Kompetenzen, wenn eine KI ihre Sichtweise unkritisch bestätigt und die Fähigkeit zur Selbstreflexion nicht fördert?

Falsche Informationen können verunsichern
In anderen Fällen mussten wir Jugendliche korrigieren, weil KI ihnen falsche Informationen zu Diagnosen, Symptomen oder psychischen Störungen geliefert hatte. Die Studie «KI-Chatbots als Alltagsbegleiter für Jugendliche» aus dem Jahr 2026 zeigt: Mehr als die Hälfte der Jugendlichen sieht KI für sich persönlich vor allem als Chance. Nur 7 Prozent empfinden die eigene Nutzung als Gefahr. Für die Gesellschaft sehen sie KI kritischer: Nur 43 Prozent sehen KI als Chance.
KI kann im Alltag unterstützen
KI bietet jedoch unbestritten auch Vorteile. Auch wir Erwachsene können davon im Alltag profitieren. Eine 21-jährige Kundin mit einer Autismus-Spektrum-Störung erarbeitet mithilfe von KI Strukturen, die ihr sonst schwerfallen. So erstellt sie beispielsweise einen Lernplan. Die KI hilft ihr auch, wenn sie sich im Kontakt mit neurotypischen Menschen unsicher fühlt und eine möglichst neutrale Beurteilung sucht. Anschliessend bespricht sie die Antworten stets mit ihrer fallführenden Betreuerin. So erhält sie eine zweite Einschätzung.
Jugendliche brauchen Kompetenzen im Umgang mit KI
Neben sozialen Kompetenzen müssen wir Jugendlichen auch einen verantwortungsvollen Umgang mit KI vermitteln. Das verlangt von uns Fachpersonen, unser eigenes Handeln regelmässig zu überprüfen. Wir müssen häufiger nachfragen und deutlich mehr Aufklärungsarbeit leisten als noch vor fünf Jahren.

KI soll Werkzeug bleiben
Uns interessierte, wie eine KI selbst dieses Thema beurteilt. Ihre Antwort war klar: KI sei als Werkzeug sinnvoll, wenn sie begleitet genutzt werde. Als unreflektierter Ersatz für menschlichen Kontakt sei sie riskant.
* Nathalie Ledergerber und Yasmine Garcia sind Pflegefachpersonen im Team Mental Health u25 von Spitex Zürich