Ein Hundebesuch verändert den Alltag nicht grundlegend. Aber er kann Wärme und unvergessliche Momente schaffen. Nicole Colacicco besucht Kundinnen und Kunden von Spitex Zürich gemeinsam mit Therapiehündin Malu. Wir begleiten das eingespielte Team zu einer Frau, die sonst im Nachthemd im Bett bleibt – heute aber in der Küche wartet.
Den Spitex-Rucksack packt Nicole Colacicco bereits zu Hause. Darin liegen eine Decke, ein Napf, ein Filzball, ein Spielzeug und Belohnungen. Alles hat seinen Platz. «Heute machen wir einen Besuch», sagt sie ruhig. Malu blickt auf, als ob sie jedes Wort verstehen würde.
Vor der Haustür von Martha Blanc* kniet Nicole Colacicco nieder und streicht Malu kurz über den Kopf. Die Hündin bekommt ihr Dreieckhalsband. Kurz werden die Pfoten mit einem Tuch abgewischt. «Hygiene zählt. Es soll für alle stimmen.»
Die Wohnungstür geht auf. Drinnen steht eine zierliche Frau. Sie ist dement, wirkt in diesem Moment aber hellwach. «Malu, Malu», ruft sie, als käme Besuch aus der Familie. Ihr Gesicht hellt sich auf, sie strahlt.
«Ich möchte den Menschen Freude schenken»
Nicole Colacicco arbeitet seit 2004 bei Spitex Zürich. Hunde begleiten sie fast ebenso lange. Schon ihre vorige Hündin Rea nahm sie oft mit zur Arbeit. Damals ging es nicht um Menschen im Alter, erzählt sie. Es ging um das Team. «Nach anstrengenden Einsätzen kamen Mitarbeitende zu mir ins Büro», sagt Nicole Colacicco. «Sie setzten sich, streichelten Rea und sagten, dass sie das gerade brauchen. Das hat mich tief berührt.»
Malu kam als Welpe zu Nicole Colacicco. Schon früh war ihr klar, dass sie als Therapiehunde-Team arbeiten will. «Ich möchte den Menschen Freude, Nähe und einen Glücksmoment schenken», sagt sie. «Sie sollen Sorgen, Schmerzen oder Einsamkeit für einen Moment vergessen.»
Malu ist ein Golden Retriever. Sie ist sanft, neugierig und fröhlich. «Sie hat ein weiches Fell, das alle anfassen wollen», sagt Nicole Colacicco. Dann ergänzt sie etwas, das in keinem Prospekt steht: Als Welpe war Malu schnell überfordert von Reizen und kam kaum zur Ruhe. Gemeinsam trainierten sie geduldig, holten eine Trainerin dazu und arbeiteten konsequent über positive Motivation.

«In der Therapiehunde-Schule, die ich gewählt habe, zählen die Körpersprache und das Wohlbefinden des Hundes stark», sagt Nicole Colacicco. «Viele denken an Kunststücke. Die sind nicht entscheidend. Der Hund braucht Ruhe, muss Menschen und Berührungen mögen. Und ich muss ihn lesen können.»
Die Ausbildung verläuft in Modulen mit Theorie, begleiteter Praxis und Prüfung. Bei Nicole Colacicco und Malu dauerte sie rund ein Jahr. «Die Theorie fiel mir leicht. In der Praxis brauchte Malu Zeit. Pausen, in denen sie reifen und sich entwickeln konnte, waren für sie entscheidend.»
Ein spontaner Moment in der Küche
Martha Blanc führt das Team direkt in die kleine Küche. Sie spricht mit Malu, als kenne sie die Hündin seit Jahren. «Du hast sicher Durst», sagt sie und sucht nach einer Schüssel. Die Therapiehunde-Besitzerin legt den mitgebrachten Napf bereit. Martha Blanc besteht auf ihrem eigenen – sie will Gastgeberin sein.
Nicole Colacicco beobachtet das Geschehen aufmerksam. «Wir arbeiten als Therapiehunde-Team. Ich moderiere den Einsatz», sagt sie. «Malu kann nicht sagen, wann sie genug hat. Ich erkenne das an ihrer Körpersprache und an ihrem Verhalten.»
Martha Blanc streicht Malu immer wieder über den Rücken. Die Hündin geniesst die Streicheleinheiten. Nicole Colacicco bleibt ruhig und achtet auf Malus Körpersprache. Wird es zu viel, wechselt sie unauffällig die Tätigkeit: ein Ball, ein Schluck Wasser, ein kurzes Spiel, ein Gespräch. «Ich breche nicht abrupt ab. Ich lenke sanft und respektvoll – für Mensch und Hund.»
Oftmals entsteht ein besonderer Moment. Martha Blanc sitzt auf dem Sofa, Malu darf sich dazulegen, eine Decke liegt bereit. Nicole Colacicco wendet den Blick leicht ab. «Wenn Malu mich nicht mehr anschaut, weiss ich: Es stimmt. Dann sind die beiden in ihrer eigenen Welt. Das ist sehr schön.»
Heute ist auch die Pflegefachfrau vor Ort, die Martha Blanc täglich unterstützt. Sie beginnt mit der Körperpflege. Früher öffnete Martha Blanc die Tür oft nicht oder blieb im Pyjama im Bett liegen. Wenn Malu kommt, ist das anders. «Sie steht auf. Sie lässt die Pflege zu. Sie geht nicht sofort zurück ins Bett», erzählt Nicole Colacicco. «Manchmal wartet sie sogar in der Küche mit einem kleinen Frühstück.»
Nicole Colacicco weiss, wie fragil solche Veränderungen sind. Darum sagt sie klar: Es geht nicht um Druck. Es geht um Möglichkeiten und um Sicherheit. «Will jemand den Hund nur streicheln, ist das in Ordnung. Kann sich jemand nicht sicher bewegen, passe ich den Einsatz an. Alle sollen sich sicher und respektiert fühlen.»
Was ein Hundebesuch auslösen kann
Das Ziel beschreibt Nicole Colacicco schlicht: Sie will das Wohlbefinden unterstützen, erhalten oder fördern. Das zeigt sich im Alltag auf verschiedene Weise. Spiel und Bewegung aktivieren, Berührung schafft Nähe, Gespräche wecken Erinnerungen und Vorfreude. Der Hund lenkt von Schmerz und Kummer ab.
Martha Blanc bedankt sich überschwänglich für den Besuch: «Es ist dreifache Freude», sagt sie. «Ich freue mich vorher. Ich freue mich während des Besuchs. Und ich behalte die Erinnerung.»
Den Schutz von Malu nimmt Nicole Colacicco ernst. Ein Einsatz dauert in der Regel 15 bis 30 Minuten. Bei Martha Blanc waren es auch schon 45 Minuten. «Das fordert den Hund. Man sieht es Malu an. Nach solchen Tagen braucht sie mehr Ruhe.»
Wie viele Einsätze verkraftet Malu? Nicole Colacicco antwortet offen: «Einen bis zwei pro Woche. Es hängt von der Intensität ab. Ich will meine Hündin nicht überlasten.»
Wie Malu zur Ruhe kommt
Der Einsatz endet, das Therapiehunde-Team verabschiedet sich. Sobald Nicole Colacicco das Dreieckhalsband löst, wechselt der Modus. Dann gehen die beiden zusammen spazieren, ruhig und ohne Ziel. «Bei solchen Spaziergängen verlange ich nichts von ihr», sagt sie. «Sie darf schnüffeln. Das beruhigt. Schnuppern hilft bei der Selbstregulation.» Es gibt keine Kommandos und kein Training. Nur Zeit und das durch den Hund bestimmte Tempo.

Nicole Colacicco lächelt. Später erzählt sie, dass ihr Team sofort merkt, wenn sie «uf Bsuech» war. «Nach einem Therapiehunde-Einsatz strahle ich», sagt sie. «Ich fühle mich reich beschenkt, weil ich solche Besuche ermöglichen darf.»
*Name geändert
So funktioniert ein Therapiehundebesuch bei Spitex Zürich
Ein Therapiehundebesuch wird sorgfältig vorbereitet. Spitex Zürich klärt mit allen Betroffenen ab, ob der Einsatz passt. «Die Fallführung oder Bezugsperson meldet sich und sagt: Da wäre jemand, der sich sehr freuen würde», erklärt Nicole Colacicco. Das Team prüft die Situation. Bei Bedarf beginnt es mit einem Probeeinsatz. «Der Schutz der Kundin oder des Kunden und des Therapiehundes steht immer im Vordergrund.»
Möglich werden die Therapiehundebesuche dank den Sternstunden des Vereins Spitex Zürich.
Nicole Colacicco mit Therapiehündin Malu
Nicole Colacicco
- Seit 2004 bei der Spitex tätig, heute im Onboarding-Team und in der Projektleitung Therapiehunde
- Motiv: «Freude, Nähe und einen Glücksmoment schenken»
- Erholung: Natur, Meditation, Yoga, Wandern, mit ihrer Hündin Qualitätszeit verbringen
Therapiehündin Malu
- Golden Retriever, sanftmütig, neugierig, fröhlich und sensibel
- Mag Menschen, Streicheleinheiten und Spielen, braucht klare und ruhige Führung
- Einsätze nur, wenn sie für Hund und besuchte Person passen, mit Fokus auf Tierwohl und Sicherheit
So läuft ein Besuch typischerweise ab
- Rucksack packen und Ankündigung «Mir gönd uf Bsuech»
- Hygiene: Pfoten kurz reinigen, klare Zeichen mit Einsatz-Halsband
- Vor Ort: Nicole Colacicco steuert dezent, beobachtet die Körpersprache und passt die Aktivitäten an
- Danach: ruhiger Schnüffelspaziergang zur Erholung